Der Reißverschluss

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich kam zurück ins Meeting, stellte mich vorne neben das Flipchart und machte mit meiner Moderation dort weiter, wo ich vor fünf Minuten aufgehört hatte. Doch die Herren am Konferenztisch schienen überhaupt nicht bei der Sache. Plötzlich hält ein Teilnehmer hinten am Tisch schweigend eine Moderationskarte in die Höhe. Darauf hat er mit dickem Filzstift „Reißverschluss“ geschrieben.
Ich verstehe nur Bahnhof. Reißverschluss? Was soll mir das jetzt sagen? Ist der Prozess, den wir gerade besprechen, wie ein Reißverschluss? Oder soll der Reißverschluss am Ende eines Verkehrsstaus eine Metapher für irgendwas sein? Ich schüttele den Kopf.
Da werden auch die anderen im Raum aktiv und zeigen auf meine Hose. Ach so, ich habe vergessen, den Reißverschluss meiner Hose zu schließen! Unter großem Gelächter der gesamten Runde hole ich nach, was ich vor dem Rückweg vom WC hätte erledigen sollen.
Mann, war das peinlich! So richtig peinlich.
Und das war ganz wunderbar. Diese Situation war wie ein Geschenk für unser Meeting. Denn mit dem herzlichen Lachen über die peinliche Situation ist emotional etwas passiert. Die Teilnehmer der Besprechung sind sich menschlich nähergekommen. Die nervöse Anspannung, mit der wir unseren Kunden oder Berufskollegen oft begegnen, weil wir uns keine Blöße geben wollen, war plötzlich weg. Die Beziehung der Teilnehmer untereinander hatte sich innerhalb weniger Minuten ein kleines Stück vertieft. In der restlichen Zeit des Meetings war das deutlich zu spüren. Die Anwesenden machten mutigere Vorschläge, gaben offener und direkter Feedback und lachten viel mehr als vor meinem Auftritt mit offenem Hosenstall.
Spitzenresultate erzielt nicht, wer Menschen mit Fakten erschlägt. Die treuesten Kunden hat auch nicht derjenige, der stets hyperkorrekt auftritt und sich nie in die Nesseln setzt. Sondern die Besten im Business haben Erfolg, weil sie die Herzen der Menschen berühren und sie emotional begeistern. Was heute wissenschaftlich kompliziert als „Neuromarketing“ tituliert und mit „Limbic Maps“ illustriert wird, wussten Legenden wie Walt Disney, Enzo Ferrari oder Steve Jobs auch so: Wenn du eine tiefe emotionale Beziehung zu deinen Kunden aufbaust, werden sie sich mit deinem Unternehmen identifizieren und dir folgen.
Kunden sind nicht demjenigen Anbieter treu, der die wenigsten Fehler macht. Sondern sie bleiben dort, wo sie sich wohlfühlen.

„Der größte Fehler, den man im Leben machen kann, ist,
immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.“

Dietrich Bonhoeffer

(…aus meinem Buch „Mut zahlt sich aus“, Gabal Verlag)
Alles Gute für Ihre nächsten Meetings wünscht Ihnen

Ihr
Alexander Verweyen

Alexander Verweyen
Nach seinem Studium der Betriebswirtschaft folgte 1989 eine Ausbildung zum Consultant und Sales Trainer. 1991 machte Alexander Verweyen sich als Berater selbständig. Heute ist Verweyen Geschäftsführer der AVBC GmbH in München und hält Vorträge für Führungskräfte und Mitarbeiter mit Kundenkontakt.